Nur fünf Wochen danach finden sich unsere Kleingärtner zusammen. Die erste Verlautbarung nach dem Kriegsende ist vom 9. Juni 1945 datiert. In einer am 11. Juni ausgehängten Bekanntmachung gibt Arthur Hoffmann vom Block E-Werk, Rosenweg 64, den Kleingärtnern zur Kenntnis, dass er zum kommissarischen Vereinsgruppenleiter ernannt worden ist. In Vertretung von Hoffmann lädt Hugo Metke gleichfalls am 11. Juni zur Mitgliederversammlung am Sonnabend, den 16. Juni 1945, 20 Uhr auf die Parzelle 40 (Sellin) ein. Von dieser Versammlung ist uns auch die Anwesenheitsliste erhalten. Von 44 Anwesenden wird die Frage, ob sie Mitglied der NSDAP, der SA oder SS waren, nur von drei bejaht. Hugo Metke teilt als Zweck der Versammlung mit, dass es sich um die Neugründung des Vereins Stallwiese handele, wie er vor 1933 bestanden habe. Auf Vorschlag werden die bestehenden 82 Parzellen unter dem Namen Stallwiese II zusammengefasst. Im Protokoll ist weiter vermerkt: „Es wurde bekannt gegeben, dass Pächter, die der NSDAP angehörten oder dessen Gliederungen ohne Entschädigung ausscheiden müssen.“

                                                       *

Doch waren und wurden wir auf andere Weise von Veränderungen berührt: Mancher von den Älteren erinnert sich vielleicht noch daran, dass in der ersten Zeit nach Kriegsende Versammlungen von der sowjetischen Kommandantur genehmigt sein mussten. Bereits am 5. August 1945 findet die zweite Mitgliederversammlung mit 37 Teil-nehmern im Lokal Flöter statt. Die Tagesordnung ist bereits sehr umfangreich und zeugt davon, wie schnell und in welcher Breite sich das Kleingartenleben entwickelt. Die dritte Versammlung mit 44 Teilnehmern wird am 10. Februar 1946 wiederum im Lokal Flöter durchgeführt. Kritisiert wird die schlechte Beteiligung an den vorangegangenen Versammlungen. Besprochen werden die Mieten für bewohnbare Lauben. Einstimmig beschließt die Versammlung, dass neue Zuweisungen nicht mehr erwünscht sind. In der fünften, der Generalversammlung am 1. September 1946 im Lokal Hubertus in der Edisonstraße sind 52 Mitglieder anwesend. Nach den Berichten des Vorstands (Hugo Metke), des 1. Kassierers (Heinrich Halle) und der Kassen-revisoren (Hermann Kahl) erfolgt die einstimmige Wiederwahl des bisherigen Vorstands. Es wird beschlossen, Wegewarte zu wählen. Jedem Mitglied wird anheimgestellt, dem Vorstand den Bedarf an Saatgut, Bäumen, Sträuchern und Düngemitteln bekanntzugeben. Auf der sechsten Mitgliederversammlung am 27. Oktober 1946 mit 40 Teil-nehmern erneut im Lokal Hubertus, Edisonstraße, wird die Wahl von zehn Wege-warten mitgeteilt und zur Einreihung der Brachlandpächter, die vor allem am westlichen Rand der Anlage in Richtung Hegemeisterweg Parzellen anlegten, Stellung genommen. Das wilde Bauen auf den Parzellen ist generell verboten.   

                                                      *                            

Die Kleingärtner der „Stallwiese“ sind in den ersten Nachkriegsjahren mehr denn je bemüht, ihre Versorgung durch Anbau von Gemüse und Obst aufzubessern. Das entspricht auch dem Beschluss des Parteivorstandes der SED vom 14. Mai 1946, in dem unter anderem gefordert wird: „Verstärkung der Erwerbsgartensiedlung, Förderung und Organisation der Kleingärtner, Kleinsiedler und Klein-tierzüchter.“ Hieran erkennen wir, dass damals aus der Not geboren die intensive kleingärtnerische Nutzung ein vordringliches Anliegen jedes Kleingärtners und des Wirkens des Vorstandes und aller Funktionäre ist, so wie das bis zum heutigen Tag in modifizierter Form weiter gilt. Die Älteren von uns können sich noch des allgemeinen Mangels und des Hungers erinnern. Jeder Quadratmeter wird für den Anbau von Gemüse genutzt, jedes Stück Obst verwertet. Materialien zur Instandsetzung der Lauben, Zäune und Wasserleitungen fehlen. Jeder Nagel, jede Schraube, jedes Brett und jeder Ziegel werden gebraucht, um die Gärten zu gestalten, die Lauben zu erhalten bzw. zu errichten. Nach dem Krieg zählt unsere Anlage 82 Parzellen von Dauerpächtern – nicht zu verwechseln mit Dauerbewohnern. Außerdem gibt es 29 Parzellen von Brachlandpächtern. Deren Flächen auf einem ursprünglich vor allem mit Kiefern bestandenen Teil des jetzigen Abschnitts III dienen dem Anbau von Gemüse und Kartoffeln.

                                                      *

1946 und 1947 bemüht sich der Vorstand, bei der Lösung einiger Probleme voranzukommen. Er befasst sich mit der ordnungsgemäßen Bearbeitung der Parzellen sowie der Instandsetzung der Zäune, der Unterhaltung und der Reparatur der Wasserleitungen sowie dem Wasserverbrauch, der pünktlichen Zahlung der Pacht, der Beschaffung von Saatgut, der Schädlingsbekämpfung, der Feuer-versicherung, dem Vertrieb der Fachzeitschrift „Der Kleingärtner und Siedler“, der Erstattung der Raten für das Reichsdarlehen aus den Kriegsjahren an das Bezirksamt, der Durchführung von Nachtwachen zur Verhinderung von Diebstählen und Einbrüchen, der Erfassung der Brachlandpächter und der Gestaltung ihrer Parzellen. Neue Pachtverträge und Mitgliedsausweise werden ausgegeben. Die Mitgliederversammlung am 3. August 1947 nimmt einstimmig die „Vereinssatzungen“ an. Am 24. August des selben Jahres führt der Verein sein erstes Kinderfest nach dem Krieg durch. Allmählich nimmt die Anwesenheit zu den Mitgliederversammlungen zu.

                                                       *

Zur Generalversammlung der „Dauergarten-Kolonie Stallwiese“ am 16. November 1947 sind 74 Mitglieder anwesend. In seinem Bericht stellt der Vorstand fest, „dass die Arbeiten im Verein gut, die Parzellen in Ordnung sind und wir nur eine Kündigung wegen schlechter Bearbeitung der Parzelle hatten. Die Zusammenarbeit mit unseren Brachlandpächtern ist gut und sehr rege. Unsere Kolonie Stallwiese, die so ziemlich unbekannt war, ist nun mehr in Erscheinung getreten und wird nach außen hin mehr bekannt... Auf der Mitgliederversammlung mit 85 Anwesenden am 15. Februar 1948 wird erstmals über das Legen einer elektrischen Leitung diskutiert und die weitere Bearbeitung dieser Frage durch einen Ausschuss festgelegt. Für den 6. Juni 1948 ist eine Gartenbegehung vorgesehen, in deren Ergebnis wird drei Gartenfreunden gekündigt. Auf der Jahreshauptversammlung am 21. November 1948 erfolgt die Wahl des Vorstands. Einstimmig werden gewählt zum 1. Vorsitzenden Hugo Metke, zum 2. Vorsitzenden Emil Zeis, zum Kassierer Heinrich Halle und zum Schriftführer Richard Albrecht.

                                                         *

1949 beginnen Überlegungen zur Ausarbeitung von Regelungen für die Wasserentnahme und zur Einführung einer neuen Gartenordnung. Am 10. September 1949 findet im Restaurant Riesch in Karlshorst eine außer-ordentliche Mitgliederversammlung statt. In ihr geht es vor allem um die Frage der Eintragung des Vereins in das Vereinsregister. In Absprache mit dem Bezirksverband war der 1. Vorsitzende Hugo Metke mit diesem übereingekommen, „von der Eintragung in das Vereinsregister abzusehen, da zunächst nicht damit zu rechnen sei, dass die Kleingartenvereine als gemeinnützig anerkannt werden“.

                                                      *

Inzwischen vollzieht sich allmählich eine weitere Normalisierung des Lebens auch in unserer Nähe. Von den 1945 in Karlshorst ausgesiedelten Bewohnern können viele 1948 in ihre Wohnungen zurückzukehren. In der Mitgliederversammlung der „Dauergarten-Kolonie Stallwiese Karlshorst“ am 27. November 1949 wird mitgeteilt, dass die Anlage keine Steuern entrichten muss.

                                                          *

Wiederholt treten vor allem im unteren Abschnitt der Anlage Schäden an der Wasserleitung auf. Im Januar 1950 wird nun mitgeteilt, dass das Gartenamt bereit ist, in diesem Abschnitt eine Leitung legen zu lassen, das heißt, das Material zu liefern und die Kosten für die Montage zu übernehmen. Die Erdarbeiten sollen vom Verein durchgeführt werden. Dieses Vorhaben wird 1950 realisiert. 1951 werden die alten Pachtverträge durch neue ersetzt. In diesem Jahr ergehen auch erste Aufrufe zu Wettbewerben um die ordentliche Gestaltung der Gärten. Ärger bereitet damals schon das Befahren der Wege an und in der Anlage durch Fahrzeuge aller Art. Deutlich treten verstärkte Anstrengungen hervor, Ordnung und Aussehen der Anlage zu verbessern. Laut Anordnung des Magistrats sollen die Grabelandparzellen bis zum 31. Oktober 1951 geräumt werden. Für 1952 ist vorgesehen, mit Mitteln des Magistrats die Anlage entlang dem Hegemeisterweg einzuzäunen.

                                                     *

Es dürfte auch für den heutigen Kleingärtner von Interesse sein, wie es damals mit Kündigungsgründen aussah. Dies sind, wie in einer Funktionärsberatung am 18. August 1951 mitgeteilt wird, folgende: Rückstände an Pacht und Beiträgen, grobe Pachtpflichtverletzungen wie: Verweigerung der Gemeinschaftsarbeiten, Verweigerung der genehmigten Umlagen, vertragswidrige Nutzung, Diebstahl, volksschädliches Verhalten, Störung des Vereinsfriedens, dringender Bedarf an der Parzelle im Interesse des Gemeinwohls. In besonders schwer-wiegenden Fällen von Diebstahl, Störung des Vereinsfriedens und volksschädigendem Verhalten ist die fristlose Kündigung zulässig. Betont wird, dass keine Parzelle vom Unterpächter eigenmächtig ohne Genehmigung des Vorstandes und der Mitgliederversammlung weiter vergeben werden darf.

                                                      *

Eine Neuwahl des Vorstands erfolgt in der Mitgliederversammlung am 20. Januar 1952, da Emil Zeis und Heinrich Halle aus gesundheitlichen Gründen nicht wieder kandidieren. Zum 1. Vorsitzenden wird Richard Mai gewählt, zum 2. Vorsitzenden Georg Fischer, zum 1. Kassierer Horst Meyer und zum Schriftführer Ewald Frankiewicz. Die Mitgliederliste der „Dauerkleingartenanlage `Stallwiese`“ Berlin-Karlshorst vom Juni 1952 weist 82 Parzellen aus, davon gehören fünf Dauerbewohnern. 1952 liegen „Richtlinien über die Anlage der Kleingärten in der Dauerkleingartenanlage-Stallwiese in Bln.-Karlshorst Süd“ vor, in etwa vergleichbar mit unserer jetzigen Gartenordnung. Für das Jahr 1953/54 werden in den Vorstand gewählt Richard Mai als 1. Vorsitzender, Georg Fischer als 2. Vorsitzender, Horst Meyer als 1. Kassierer, als seine Vertretung Charlotte Gampe, als Schriftführer Max Fischer.

                                                       *

Mit Schreiben vom 23. März 1953 an das Grünplanungsamt des Bezirks Lichtenberg weist unsere Anlage darauf hin, dass durch die Zuschüttung des Seeparks und die Außerbetriebsetzung des Wasserwerkes Wuhlheide sich ein „enorm hoher Grundwasserstand“ entwickelt hat, der nicht nur unserer Anlage, sondern auch den anliegenden Häusern schadet. Der Vorstand führt in einem Schreiben an den Rat des Stadtbezirks Lichtenberg auch Klage darüber, dass die Grünanlage um unsere Anlage „vollständig verwildert“ sei, „da sie seit 1945 noch nicht gepflegt“ worden sei und den Kleingärtnern verboten ist, die Anlage selbst auszulichten. „Ein Auslichten und Schneiden der Sträucher ist unbedingt notwendig, da die öffentlichen Wege schon zuzuwachsen beginnen und die wilden Rosensträucher eine Gefahr für die Spaziergänger und Kinder bedeuten ... Vielleicht ist es möglich, die Gärtner, die am Seepark arbeiten, für diese Arbeit einzusetzen, denn u.E. sind sie nicht voll ausgelastet.“

                                                        *

1953 wird das unserer Anlage gegenüberliegende Areal – rund 30 Hektar – sowjetisches Militärgelände mit Kasernen, Garagen, Wartungshallen, Baracken, Schießanlagen, einem Exerzierplatz, einer Tankstelle und einer Verkaufseinrichtung, dem „Magazin“, in dem auch die deutsche Bevölkerung einkaufen kann. Später wird noch ein Wohnblock für sowjetische Offiziersfamilien errichtet. Im Wald südlich des Hegemeisterweges befindet sich ein sowjetisches Depot mit Wachturm. Das ehemalige Hospital ist weiter sowjetisches Lazarett. Am 20. Dezember 1953 bekundet die Jahreshauptversammlung einstimmig ihre Bereitschaft, „im Zuge des neuen Kurses unserer Regierung, zur Wiederherrichtung der Dauerkleingartenanlage `Stallwiese` mit Unterstützung vom Rat des Bezirks Lichtenberg, Abt. kommunale Wirtschaft – Kleingartenwesen – im Nationalen Aufbauprogramm 1954 mit zu helfen“, und bittet, die Anlage in das Aufbauprogramm mit aufzunehmen. Diesem Ersuchen wird stattgegeben.


Gartenlaube aus dem Jahre 1950